ODD COUPLE werden “Flügge”

ODD COUPLE sind dem Berliner Nest entsprungen und werden noch bis zum 10.12. die Bühnen Europas bespielen. Das neue Album ist gerade über Cargo Records Germany erschienen. Haste?!

 


17.11.2016 – Schorndof, Manufaktur Schorndorf
18.11.2016 – Karlsruhe, Alte Hackerei
19.11.2016 – Freiburg, Slow Club
20.11.2016 – Bielefeld, Nummer Zu Platz
21.11.2016 – Saarbrücken, Synop
22.11.2016 – Mainz, Schon Schön
23.11.2016 – Nürnberg, MUZclub
24.11.2016 – CH – Fribourg, Fri-Son
27.11.2016 – CH – Luzern, Konzerthaus Schüür
28.11.2016 – Würzburg, Cairo
29.11.2016 – Köln, Popanz

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Live: Straend Festival 2016, Berlin (DE)

Ich bin furchtbar blass, mein liebstes Wetter ist Regen und Temperaturen über 25° C lehne ich kategorisch ab. Klar, dass ich vom Surfen nicht den leisesten Hauch einer Ahnung habe, außer vielleicht, dass da meist ziemlich heiße Typen auf den Brettern stehen.

Das alles war aber kein Grund nicht zum wundervollen Straend Festival am 20.08.2016, welches zum zweiten mal in Folge stattfand, zu gehen. Auch wenn zunächst mit den Worten Surf, Musik, Film und Kunst von den Plakaten gelockt wurde, ging es hier doch um so viel mehr. Wobei Arena und Badeschiff mit Sand zwischen den Zehen, Liegestühlen und der Spree direkt vor der Tür zum entspannen einluden und die Veranstalter Loft Concerts, Novaque Events und Arena Berlin all das wie scheinbar nebenbei einfließen ließen, was ihnen verbunden mit der Thematik Surf am Herzen liegt. Dazu gehören an erster Stelle der Umgang mit Müll und unser Auftreten als Mensch in einer Welt, die wir als selbstverständliches Eigentum behandeln. Dieser Artikel soll jetzt aber kein Appell an dein Gewissen werden dich bewusster in deiner Umgebung zu bewegen, jedoch vielleicht den einen oder anderen Gedanken darauf zu verwenden. Und genau das hat auch das Straend Festival geschickt geschafft: sei es mit Mülltrennung auf dem Gelände, Essen auf Bambusblättern oder der Kunst von Angelo Schmitt, dessen Sammlung an Abfall von Stränden wieder einmal zeigt, wie gedankenlos wir unseren Müll entsorgen und dass wir in Plastik ertrinken ohne es überhaupt zu bemerken. Eingebettet in einer entspannten, kommerzfreien Atmosphäre mit Filmen von u.a. Surflegende Tom Curren und Musik von Sticky Fingers, Hein Cooper, The Graveltones etc. wurde dieser Tag zu einer absolut zwanglosen Entdeckungsreise. Maßlosen Konsum und die alleinige Ausrichtung auf Profit kennen wir schon von so vielen anderen Festivals, endlich mal was anderes, wo nicht die Einnahmen Kompass der Veranstaltung sind und eine Linie zwischen Unterhaltung und aktuellen Problemen gezogen werden kann.

Definitiv nächstes Jahr wieder dabei!

Live: MS Dockville 2016, Hamburg (DE)

Zum zehnten Jubiläum legte das MS Dockville sich ganz besonders ins Zeug: ein Line-Up, das in der Spitze wie in der Breite zu überzeugen wusste, ein wie immer atemberaubend schönes Gelände und die entspannte, ausgelassene Stimmung machten 2016 zu einem der besten Dockville-Jahre in letzter Zeit.

Die Acts: Von den zehn Ausgaben seit 2007 war ich bei ganzen sieben; zuletzt war es aber immer wieder das mangelhafte Line-Up bei stetig steigendem Ticketpreis, das mich von einem Besuch absehen ließ. Dieses Jahr war das Dockville ein Festival der positiven Überraschungen: Gab das Line-Up bei einem vorherigen Hördurchgang nicht viel her außer bereits bekannten Favoriten wie Foals, Bilderbuch (die ich aufgrund des Timetables nicht sehen konnte) oder Unknown Mortal Orchestra, erwiesen sich die großen Lücken in meinem Zeitplan letztlich als Segen: Acts wie Faber, Isolation Berlin oder Die Nerven gaben einen hervorragenden “Zeitvertreib” ab. Dadurch verzieh ich auch das Booking gruseliger Formatradio-Verbrechen wie Matt Corby, Frances oder der furchtbar unlustigen Klaas-Heufer-Umlauf-Band Gloria.

geländeDie Besucher: Das Dockville-Publikum ist durchschittlich etwa 20 Jahre alt, trägt genderunabhängig Blumen im Haar und Glitzer im Gesicht, sowie in 80% der Fälle einen Turnbeutel mit witzigem Spruch der Wahl auf dem Rücken. Außerdem ist es äußerst ingenieurstechnisch begabt, wenn es darum geht, ein einzigartiges Erkennungs-Maskottchen zu erschaffen, das an einem hohen Stab über der Crowd geschwenkt wird, um die eigene Freundesgruppe zusammenzuführen (Highlight: ein seifenblasenspuckender Affenkopf mit LED-Augen). Als Wahlberlinerin fiel mir zudem auf, dass alle Hinweisschilder etc. am Gelände auf Deutsch gehalten sind: Das Dockville ist trotz weiterhin steigender Bekanntheit anscheinend immer noch ein lokales Ereignis.

Die Politik: Die Hamburger AFD legte jüngst Beschwerde bei der Kulturbehörde ein, wieso man ein Festival finanziell unterstütze, bei dem angeblich linksradikale Bands wie Slime oder Feine Sahne Fischfilet auftreten würden. Als Reaktion wurde ein riesiges “Fuck AFD”-Plakat am Gelände aufgehängt. Junge Teenager, die aussahen wie die Unschuld in Person, trugen “Niemand muss Bulle sein”-Beutel oder schwenkten Antifa-Flaggen bei den Auftritten von bekennenden linken Acts wie Sookee oder eben Feine Sahne. Auch weniger explizit politische Bands machten den Mund auf; etwa Faber in seinem Besorgte-Bürger-Song Wer nicht schwimmen kann, der taucht oder Isolation Berlin, die eine Textzeile zu “Er schnauzt mich von der Seite an, ob ich nicht stolz sei auf dieses Land” änderten. Ausschreitungen, Aggressionen und sonstiges Arschlochverhalten waren meiner Erfahrung nach vollkommen abwesend vom Festival.

Galerie

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Neues Album: Bosco Rogers

Passend zum lang ersehnten Sommereinbruch ist es endlich da: das noch länger ersehnte erste Album Post Exotic des anglofranzösischen Duos Bosco Rogers. Und – quelle surprise – es ist natürlich eins der Debütalben des Jahres.

Schon auf den beiden EPs Googoo (2014) und French Kiss (2015) schafften es die beiden Bandmitglieder Barthélémy ‘Barth’ Corbelet und Delphinius ‘Del’ Vargas (ja, die heißen wirklich so), zwischen verträumter 60er-Psychedelia, Garage-Geknarze und süchtigmachenden Popmelodien etwas gleichermaßen Altbekanntes und doch zu keiner Sekunde Langweiliges zu kreieren. Von den insgesamt acht bärenstarken Songs der beiden EPs hat man die schnoddrigen Googoo und In Stereo, das melodieverliebte French Kiss, mit dem die Band mich damals augenblicklich überzeugte, den 700k-Spotify-Plays-Hit The Middle mit seinem markanten Gepfeife und den 1:40-Minuten-Reißer Buttercup mit aufs Album rübergenommen. Außerdem mit am Start ist die aktuelle Single True Romance, ein zukünftiger Nr. 1-Hit aus der Retorte, den man mit seinem tausendmal so oder so ähnlich gehörten Refrain (We wanna love / We wanna dance …) wohl entweder lieben oder hassen muss. Viel mehr sagt mir dagegen Drinking For Two mit seinen Beach-Boys-Reminiszenzen zu. Insgesamt bleibt die Qualität das Album über durchgehend hoch; Bosco Rogers variieren ihren Sound genug, um abwechslungsreich zu bleiben, ohne dabei ihren Wiedererkennungswert zu verlieren. Was ihnen außerdem geling, ist eine kohärente Stimmung zu schaffen, wie ein heißer Sommertag, den man halb dösend in einem verdunkelten Zimmer verbringt. Aber nicht ohne zwischendurch zum Feiern rauszugehen.

Record Roulette (1): Flamingods – Majesty

Willkommen zu einer neuen Kategorie, die ich schon lange einführen wollte: Record Roulette! Wie beim Russischen Roulette weiß man nicht, was einen erwartet, denn beim Record Roulette werden Platten gehört, über die wir nichts oder fast nichts wissen. Ein Flohmarktfund, ein unerwartetes Geschenk, eine Entdeckung in der elterlichen Plattensammlung – wie in Forrest Gumps berühmter Schachtel Pralinen wissen wir nicht, was wir kriegen. Ohne mehr Infos, als die Platte selbst hergibt, legen wir sie auf und schreiben darüber, was wir hören.

Anlass zur Eröffnung dieser lang geplanten Kategorie war ein Geburtstagsgeschenk, überreicht mit den Worten “Ich habe nach Cover gekauft”. Ehrlich, gibt es eine schönere Art, Musik zu entdecken, als sich das künstlerisch ansprechendste Album-Artwork auszusuchen? Ich glaube nicht! Besagtes Albumcover ziert die Platte Majesty von Flamingods, einer Gruppe, von der ich bis dato noch nie gehört hatte. Laut eines Stickers mit Vice-Zitat macht diese “psychedelic music for the soul”. Dekoriert ist die Platte mit einer Collage aus verfremdeten Fotos und Zeichnungen: ein bunter Wald aus Blüten, Ranken und Bäumen schlängelt sich um eine Art Pavillon, in der zwei junge Menschen in bunten Trachten mit auffälligen Kopfbedeckungen sitzen bzw. stehen. In einem ovalen Rahmen zu ihrer Linken ist ein Gebäude mit spitz zulaufendem Dach zu sehen. Die untere Häfte des Bildes ziert ein großer weißer “flamingods”-Schriftzug, darüber klein der Albumtitel ‘Majesty’. Erschienen ist das Album 2016, wie die Rückseite verrät, die im selben Stil wie das Frontcover gestaltet ist und in der Mitte zwei weiße Türen mit großen Fenstern zeigt, hinter denen unten und oben Kerzen in der Dunkelheit brennen.

Die Songtitel wirken homogen, Jungle Birds und Majestic Fruit passen zum Pflanzenwald des Artworks, Gojira, Rhama und Sarangi klingen indisch und sind ebenfalls mit der Optik stimmig. Zieht man den Pappschuber mit der Platte heraus, erfährt man auch die Namen der Beteiligten, inklusive Fotos der Bandmitglieder: Kamal Rasool, Charles Prest, Sam Rowe, Karthik Poduval und Craig Doporto sind ebenso ethnisch vielfältig wie die Namen suggerieren. Produziert wurde das Album übrigens in London, was ein Hinweis auf den Wohnort der Gruppe sein dürfte (aber nicht sein muss). Außerdem findet sich ein längeres Zitat, das ich des Umfangs wegen nicht abtippen werde, von einem Evan Crankshaw, das in sehr poetischen Worten dazu auffordert, das ‘Exotische’ nicht durch Reisen in ferne Länder zu suchen, sondern stattdessen “mit den Ohren von anderen zu hören” und so seinen Verstand zu erweitern. Sehr psychedelisch eben – und noch immer konsistent mit dem Thema des Artworks. So etwas mag ich ja. Ich bin also extrem gespannt, was es nun zu hören gibt.

Die Musik setzt irgendwie plötzlich ein, aber das kann auch meinem Plattenspieler zuzuschreiben sein. Eine raue, aber nicht tiefe Leadstimme, begleitet von einer höheren Backgroundstimme, die kurz darauf den Leadvocal übernimmt, singt zu prickelnder, fließender Psychedelia, die tatsächlich etwas im weitesten Sinne “nicht-westliches” an sich hat – das wird spätestens dann hörbar als hoch jaulende Streicher einsetzen, aber auch das leichtfüßig-melancholische passt irgendwie zu dem Ambiente, welches das Cover vorgegeben hat.

Der erste Track Majesty ist schnell vorbei, der nächste, Jungle Birds ist schnell, überlaufend vor Eindrücken, der Gesang ist ruhig, während sich im Hintergrund die Musik überschlägt – es gelingt der Band hier wirklich, u.a. durch den Einsatz von Flöten, einen Eindruck von Dschungel heraufzubeschwören. Die Musik ist wild, unübersichtlich und anziehend.

Und auch dieser Titel ist im Handumdrehen wieder vorbei, und Taboo Groves setzt ein. Er ähnelt dem Vorgänger – es gibt Gesang, doch es dominieren eher die Instrumentalpassagen. Hier passiert immer noch viel, doch es wirkt nicht mehr so chaotisch, vielleicht haben sich meine Ohren auch daran gewöhnt. Die Stimme wird immer von einem oder mehreren Backgroundsängern begleitet; überragend ist der Gesang nicht, die Stimme hat zwar etwas ungewöhnliches, leicht quäkiges, aber sie steht klar im Hintergrund im Vergleich zur restlichen Musik. Der Offbeat wird effektiv eingesetzt, um gemeinsam mit ausladenden Akustikgitarrensoli eine mühe- und schwerelose Atmosphäre zu evozieren.

Auch dieser Track ist kurz, es folgt Majestic Fruit, mit einem sanften, an plätschernde Wasserfälle erinnerndem Intro voll eingestreuter Effekte, die einem immer noch das Gefühl geben, durch einen üppigen Dschungel zu stromern. Auch hier werden unübliche Instrumente eingesetzt, um das in dem Zitat auf der Rückseite angesprochene “Exotische” heraufzubeschwören. Wie “exotisch” das für die Bandmitglieder mit ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund nun wiederum ist, wäre eine andere interessante Frage. Die Musik schwillt langsam an, es wird darübergemurmelt, doch nicht richtig gesungen, die Stimme wird zum Instrument, anstatt sich hervorzutun. Weiterhin sind Flöten, Rasseln, Trommeln zu hören, und als würde ein Feuer erlischen, ist auch dieser Song urplötzlich zu Ende.

Mit Anya kommt nun der letzte Song der ersten Seite. Auch dieser setzt ruhig ein, im Hintergrund hört man Stimmen, die von einer Aufnahme zu kommen scheinen und offenbar nicht Englisch sprechen, doch es ist schwer zu sagen. Dann kommen Gesänge, die an Naturvölker denken lassen, bevor der übliche englischsprachige Gesang einsetzt. Auch dieser Track gleich sich musikalisch den Vorgängern an, er ist aber sehr gediegen, episch, mehr Struktur und weniger Chaos. Die Percussions lassen mich an den Genre-Begriff “tropical” denken. Das leichtfüßige Plätschern des Beats steht im Gegensatz zu der dominanten gedehnten und schwermütigen Streichermelodie. Immer mehr Layer legen sich übereinander, zwei Melodien spielen nun gegeneinander an. Nun erinnert das Ganze an das Unwort “Weltmusik”, was ich nicht wertend in Bezug auf die Musik meine, das Wort habe ich nur mangels eines besseren Einfalls eingeworfen; es sind jedenfalls kaum mehr westliche Einflüsse zu hören. Die Musik schrumpft zusammen, die Sprachaufnahmen übertrumpfen sie und verschwinden schließlich im Rauschen; die erste Seite ist vorbei.

Seite Zwei beginnt wild, fröhlich; wieder regiert das Chaos. Unter der dominanten Melodie werden parallel noch mehrere andere gespielt. Dann bricht das Ganze weg, um den Beat in den Vordergrund zu stellen, doch kurz darauf geht es wie gehabt weiter. Gojira scheint ein Instrumental zu sein, bei dem die Gitarren zum Jaulen gebracht werden. Dieser Track ist wohl der bisher psychedelischste, mit jeder Menge altbekannter Effektpedale, und sehr starken Drums, denen manchmal fast alleine die Bühne überlassen wird. Sie schwellen rauschhaft an, irgendwann hört man Rufe, die Gitarren setzen wieder ein, das Ganze wirkt jetzt eher wie eine Jagd durch den Dschungel auf LSD. Immer wieder ertönen Soundeffekte, die an den Schrei eines Vogels o.ä. denken lassen – die dichte Atmosphäre bleibt. Dann tröpfelt der Song aus – auch dieser kürzer als im Genre üblich.

Rhama folgt als nächstes. Die Gitarren brummen tief, lassen sich Zeit, hier wird man nicht mit Reizen überflutet. Auch der Gesang ist zurück, lässt sich in die Musik fallen. Bisher ist diese Seite deutlich klassischer psychedelisch als die andere, auch der getragen-eintönige Gesang, den man so schon oft bei Genrekollegen gehört hat. Bei der nächsten Instrumentalpassage werden die Klänge wieder höher und schriller, weg vom Altbekannten und wieder näher am Stilmix der ersten Seite. Diese Passage zieht sich hin, ich freue mich, als der Gesang wieder einsetzt. Er ist so verfremdet, dass er auf einer Ebene mit der Musik liegt und sich nicht in den Vordergrund spielt. Der Song scheint mir bisher der längste, doch auch er findet sein Outro, das wieder sehr dschungelhaft und verspielt klingt.

Sarangi setzt mit Trommeln ein, klingt wirklich am deutlichsten indisch von allen Tracks bisher – der englische Gesang wirkt fast deplatziert. Ohne ihn könnte man hier auch traditioneller Musik lauschen, so erscheint es mir als Laien auf diesem speziellen Gebiet. Nach einer Weile wird der Gesang sehr langsam, während im Hintergrund noch immer atemberaubend schnell getrommelt wird und allerlei Melodien durcheinander wirbeln. Hier wird eine gekonnte Hochzeit des psychedelischen Parts mit der traditionelleren indischen Musik gefeiert.

Eine Pause – ist dies möglicherweise der nächste, und letzte Track, Mountain Man? Ich vermute es, denn der musikalische Bruch ist deutlich zu hören. Dieser Song treibt nach vorne, erinnert mich auf einmal an traditionelle irische Musik – was auch ein legitimer Einfluss wäre, natürlich. Wieder verschwindet der Gesang beinahe im vielfältigen Gewirr der Musik, aber eine dominante Melodie ist klar zu erkennen. Den Dschungel höre ich jetzt nicht mehr, dafür grüne Felder und fließende Bäche, aber das mögen meine eigenen Assoziationen sein. Wobei Mountain Man, der Titel, den geografischen Wechsel schon andeutet, und die irischen Klänge bilde ich mir gewiss nicht ein – die Musik wird immer schneller und vermischt sich mit Rufen, wie man sie oft bei Volkstänzen hört. Ein überraschender Ausklang der Platte, der zum ersten Mal mit dem vorherrschenden Thema bricht. Der Gesang hört ebenfalls auf und überlässt uns ganz dem imaginären Volksfest. Nun hat auch dieser Track seine Längen, doch kaum ist das niedergetippt, verlangsamt er sich und bereitet sich auf das Ende vor, das in Form einen letzten langgezogenen Tons kommt.

Fazit? Erst einmal ist das eine unglaublich intensive Art Musik zu hören und auch zu rezensieren, die ich sicher nicht zum letzten Mal gemacht habe. Vor allem, da ich gerade nach neuer Inspiration lechze. Die Platte von Flamingods bietet auf jeden Fall interessante Genrebrüche, und ihre tiefe Verbundenheit zu östlichen Klängen wurzelt offensichtlich auch in der Herkunft der Bandmitglieder, es ist also kein musikalischer “Tourismus”. Eine Platte zum Nebenbeihören ist es nicht, dafür ist sie zu anstrengend; sie fordert Aufmerksamkeit. Vielleicht etwas zu chaotisch für meinen eigenen Geschmack, aber gleichzeitig bewundere ich ihre Fähigkeit, Konzentration herauszufordern, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und sich nicht mit Hintergrundgeplätscher zufriedenzugeben. Die größte Stärke ist aber auf jeden Fall das gekonnte Heraufbeschwören von Szenerien, Orten und Situationen, die beim Hören im Kopf entstehen, als würde man sie selbst erleben. Das geschieht gerade durch das Zurücknehmen von Vocals zugunsten von vielfältigen, oft gegeneinanderlaufenden Instrumenten und Melodien, den Einsatz von Soundeffekten und Verfremdungstechniken. Diese Platte sprudelt vor Leben und scheint sich in ihrer Kreativität keine Grenzen zu setzen. In meinen Augen ein gelungener, aber auch herausfordernder Ausritt aus dem Psychdelic-Genre.

Konzerttip: Mellochfest II @ Bassy, Berlin (DE), 15.06.2016

Im Juni 2006 feierte das Label 8MM Musik seine erste Veröffentlichung, die White Vinyl 7″ Battery/Butcher’s Arms von Powers, mit einer Show von Singapore Sling und Powers in der damaligen Pfefferbank, kurz darauf bekannt als Bassy. Am 15. Juni wird dieses Jubiläum beim 2. Mellochfest begangen: Live spielen The Memories (Burger Records), das Projekt der White Fang-Bandkollegen Rikky Gage und Kyle Handley. Außerdem feiern The Third Sound die Record Release Show ihrer 3. LP Gospels of Degeneration, das Berliner Experimental-Garage-Duo DYN stellt bei seinem ersten Konzert im Jahr 2016 das neuste Studiomaterial vor und obendrauf gibt es eine Soundperformance von Franz Bargmann, dem ehemaligen Leadgitarristen und Originalmitglied der international bekannten Berliner Krautrockband Camera.

Einlass ist um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 10 €.

Mehr Infos auf Facebook.

 

Live: Carnival Youth in Hamburg (DE), 10.05.2016

When people think of the country of Latvia and music together, Eurovision is probably one of the first thing that comes to their minds. But times are changing and right now indie-fourpiece Carnival Youth is one of the hottest exports from Riga. They are so hot that they have just recently won the EBBA (European Border Breakers Award) Public Choice Award. This led to them touring through Europe this May and stopping at the Knust in Hamburg on May 10th.

Before the show started we had the chance to sit down with the band (or well, ¾ of them since their bassist was sick and sleeping off his illness) and eat some self-made “Fischbrötchen” (a local dish consisting of a salmon in a bread roll). The (identical) twins Emīls and Edgars and their bandmate Roberts were down-to-earth and friendly boys who definitely impressed us with their German skills. Our conversation mostly revolved about typical German or Latvian things, tour life, professional golfing and music festivals. After good 45 minutes the band went on a quest to find a post box for their postcards and we got ready to catch the support act.

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Perry O’Parson alias Marcel Gein (©A. Hachmeister)

The opening act was Perry O’Parson (or as he is known under his real name Marcel Gein) and he serenaded the crowd with heartfelt acoustic folk music. It was pleasant to listen to him and his guitar but what made most of his performance where the stories he told between the songs. The singer-songwriter performed mostly songs in English but for the last two he switched to German lyrics.

When Carnival Youth took the stage thirty minutes later the crowd (probably 80% female…) edged closer to he stage. The set up was rather unusual as the band stood in a half circle so that every member, even the drummer, could be seen. This formation fits their music best as Roberts, Emīls and Edgars all share singing duties and all four members and their respective instruments come across as equal in their songs. Carnival Youth don’t have a frontman in the traditional sense – instead they have three, the drummer, the guitarist and the keyboarder. This opened up their musical style and made the concert even more interesting.

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The half-cirlcle (© A. Hachmeister)

Due to his sickness bassist Aleksis had to play while sitting on a chair fort he whole gig. As his bandmates explained he was completely drugged with antibiotics. We have to give the band credit for not letting this affect their performance in any way.

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Melodica Fun! (©A. Hachmeister)

The setlist consisted of songs from their two albums (released in 2015 and 2016) and sprinkled with “hits”. Already the first bunch of songs got the crowd dancing along. Among them were two of my favourite songs from the first album, Brown Eyes And All The Rest and Octopus. For the latter the disco ball was turned on and the sparkly reflections illuminated the venue, perfectly fitting the keyboard melody.

In between songs the band entertained the crowd with German phrases such as “Mein Lieblingsessen ist Kartoffeln mit Fleisch” and “Mögt ihr Tanzen?” or their general goofy behaviour on stage. They left the crowd with their single Never Have Enough, which was accompanied by a beautiful sing-along from the crowd before they returned to the stage to play Sometimes as an encore.

All in all it was a wonderful concert where everything fit together perfectly. Paired with the energy of a live concert and their friendliness, Carnival Youth’s already brilliant songs get even better. I would totally recommend going to their upcoming concerts or investing money in one of their records.

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Q&A: Telegram

The 5th of May was Ascension Day, it felt like the first day of summer and everyone had BBQ at the park. Except us – we were sitting in a bar next to the train tracks of the U1 interviewing Matt Saunders, the singer of UK newcomers Telegram. Later that evening the London based fourpiece would have their second German gig ever after the Munich debut the night before. Despite of the weather there was a decent amount of people who didn’t want to miss this historic event.

Telegram just released their debut album Operator in February featuring their hit single Follow amongst other rough, catchy, punkish songs. With this record they fulfilled the high expectations the debut single had set. Live on stage it wasn’t hard for them at all to recreate the unpolished sound of the record and they played a tight and fast paced set.

During our talk with Matt we got a glimpse of the creative process behind both their music and the accompanying art and visuals.

You just released your first album Operator. We noticed that it sounds almost like a live recording, very raw and unpolished. How did this decision come about to record it that way?

We recorded it on a boat down Docklands, which has a studio inside of its hull. Rory Atwell, our producer, has a quite “live” style anyway. Being a live band, we kind of wanted that energy on the album. It would have felt strange to people who have seen us play before to have a polished album, that wouldn’t feel right. When you release your first record, you’re still at a stage where you need to get people to come to your shows and check you out, so I think it should be a sample of what you’re like as a live band.

Were you consciously trying to find a middle ground between having a lot of rawness and noise on the one hand and quite catchy, accessible melodies and guitar parts on the other hand?

Yeah, you’ve got to be careful and find the right balance. When we write songs we start with an initial structure that is based on a simple melody and then we add noise and effects… I think if you start the other way around it’s not really working.
I love a lot of good pop as long as it’s real and you can believe the person that it’s coming from. As a band you are constantly told that you need to have one or two songs which will get you on the radio, which is the only way that you will get booked for festivals as well. You have to think on a different level about what you’re doing. We are trying not to let it get to us but it’s still how things work.

What are your thoughts on how the second album is going to sound like? Anything about the debut album that you want to depart from?

The first record is fast, it has a lot of pace in it. A lot of the new songs we are writing at the moment have that as well, but we don’t want to make a complete follow-up to the first record. We want it to be quite different, to be a little groovier in its tempo.

There is definitely a big consistency between your sound and your visuals. We noticed that all your music videos have the same intro for example. What’s the concept behind it?

I’ve got a VHS camera that we shot the first video for Follow on and I had a clear idea in my head how I wanted it to look. I used to work at a location for photography and film, which had two rooms with wooden panels on the walls. One was cream white and the next one was black, so we would do the same set up and click from one room to the other.
The credits in front were also made with that VHS camera. It has a controller where you can type in the credits and they come up on the TV screen, then you have to make sure that everything in the room is dark to film the TV screen. The problem is, if the thing breaks… (laughs) So I’m trying to copy all the letters so if it did happen we could just cherrypick letters digitally and pop them in … though it’s cheating a bit.

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Matt Saunders ©Nora Lee
Speaking of technology – you named your band Telegram and your album is called Operator. Is there a background to it, such as a retro technology theme?

Yeah, I think this aesthetic has a sort of dystopian, sci-fi theme – things like Kurt Vonnegut and J.G. Ballard, that imagery is quite attractive to me. The name “Telegram” came about four years ago, when I was looking at a newspaper which had a list of releases for record store day. I was just circling words that would be good for a band name, and there was a re-release of Telegram Sam by T-Rex. When that word came up it just felt good, satisfying in a way.
Operator was going to be called Telegram originally, which was lazy. We would always talk about calling it like a constellation or some other spacy thing… The name Operator came about because I was working on the artwork at the time and using a telephone as the basic back of the record as a theme – a telegram is being sent via a telephonic machine that you would press certain numbers on. This was maybe a day before we had to decide the title. As I was going through images of buttons on the telephone, one of them just sat staring at me, it said “Operator” and I thought “Ah, that’s perfect!” That sums up a lot of things that we’re about.

So you also did the artwork yourself?

Yeah, I went to art college for like four years and art is still a hobby of mine. I’ve also got a little studio space. For me the idea of somebody else doing the artwork is like getting another person to buy a birthday present for your girlfriend or boyfriend, giving them a couple of ideas what they’re into and then they go off and buy something for them. But if you find somebody to collaborate with that you can really trust then that’s worthwhile and I’m totally up for that. I mean there’s limits and boundaries and at some point I’ll have to get help, maybe.

Let’s talk about the lyrics a little. Do you focus on telling a story or is it more abstract…?

I imagine a lot of the lyrics are rather sentiments, as opposed to stories, in the same way that you might feel angry or upset or interested or bored or in love or whatever it is you’re feeling, and of course there is a story about it, and then I abstractly write about it.
There are so many lyrics that are just a repetition of the same themes and lines, about love or missing someone or this or that… It’s just not very original, so I try to be more abstract to make it interesting. I’m a big fan of Leonard Cohen for example. He’s really good at creating lines of abstraction, and then there is one line that is really straightforward and very simple which ties it all together and gives it a meaning, before it goes back to strangeness again.

Do you put personal experience into your lyrics as well?

Definitely. There will be one line that’s very specific to something from experience, and the next will be more of a general feeling about time, or space … it’s quite mixed up.

We read that you crowdfunded your album. Is that something you would do again?

I mean, it was really hard work but at the same time – it worked. We had a record deal with Sony but after nine months of nothing happening, it fizzled out, and then we went that way instead. Initially I was a bit skeptical, I didn’t like the idea of crowdfunding. To me traditionally, growing up, that’s not how a band puts a record out. But actually I think the simple method of a fan buying a record upfront – paying for the record before it’s been made – is a really clever way to do it, because you’re not asking for anything more than the cost of the record you would pay for anyway, it’s just reversing the order in which it happens. And if we did it with a label they would take 80% and we would have 20%, of control over things as well. All of that nonsense disappears. I would recommend it, and we would do it again.

Neues Album & Tour: DIIV

Vier Jahre lang war es ruhig um Zachary Cole Smith und DIIV, die Nachfolgeband von Beach Fossils. Ob er einfach nur mit Freundin Sky Ferreira ein Haus bauen wollte oder ob es an seinem Drogenentzug lag, wollen wir jetzt nicht weiter erörtern, schließlich ist das hier ja ein Musikblog. In Vorfreude auf die im März kommende Tour haben Edgar Storch und Belle Brummell ohne jeglichen Weinkonsum das neue Album “Is The Is Are” ausführlich diskutiert.

Edgar Storch: Wie soll man diese Musikrichtung am besten bezeichnen? “Dreamy Indie Rock” finde ich ganz gut, dreamy ist es auf jeden Fall, auch wenn du dir die Musikvideos anguckst: auf 8mm-Film geshooted, Mädchen mit langen Haaren in American Apparel Hotpants … dieses Feeling, das schwimmt auf so einer Emotionswelle, die nicht direkt traurig ist, aber auch nicht gut gelaunt, eher so ein bisschen desinteressiert.

Belle Brummell: Es hat mich ehrlich gesagt überrascht, dass DIIV in New York wohnen, weil ihre Musik eindeutig diesen Surf-Einfluss hat, dieses kalifornische, und dann auch noch der Name, “Dive”, wie auch schon Beach Fossils. Diese Welle ist einfach nach New York übergeschwappt, wortwörtlich. Als es damals losging, mit DIIV und anderen Bands wie Swim Deep, dieser ganze Lo-Fi-Surf-Wave-Kram, hat mich das nicht besonders interessiert, aber jetzt mit dem zweiten Album kam man ja nicht mehr daran vorbei.

Edgar:  Ich habe das erste Album auch nicht so wirklich gehört, dabei mochte ich schon Beach Fossils gerne. Aber dieses 17 Song starke zweite Album hat mich total überzeugt. Es hat die ganze Zeit etwas monotones, es wiederholt sich und baut eine Stimmung auf, die um dich herum wabert, sodass du dich darin verlieren kannst wie in einer analogen Traumwelt.

Belle: Ich stelle mir das live sehr geil vor, weil die Lieder dieses repetitive Element haben und auch nicht sehr vocal-lastig sind, obwohl Vocals da sind, aber die Hook wird immer von der Gitarre gespielt. Dadurch funktioniert die Musik auch, ohne dass man konkret auf die Lyrics achtet.

Edgar: Das stimmt, die Stimme setzt sich gar nicht ab von den Instrumenten, sie wird selber zu einem Instrument und fügt sich da komplett mit ein. Es ist fast schon Instrumentalmusik.

Belle: Für mich hat Dopamine von Anfang an sehr rausgestochen, weil es als einziges Lied sehr prominente Vocals hat. Die anderen Stücke ähneln sich für mich sehr, sie sind eher instrumental, zumindest die Haupthook. Und Dopamine hat diesen sehr repetitiven Gesang. Eins von diesen fiesen Liedern, die nie zu einem Punkt kommen, sondern sich in einem ewigen Zirkel bewegen.

Edgar: Für mich funktioniert es als Gesamtkonzept, ich könnte keinen Titel herausheben, eher als wäre alles ein großer Song. Es erinnert mich an eine Art modernen Indie-Krautrock, da hat man auch 20-minütige Tracks. Da geht es nicht um einzelne Titel. Solche Musik verstehst du erst wirklich, wenn du sie fünf mal gehört hast. Und wenn du ihr irgendwo außerhalb von diesem bewussten Hören begegnest, ist es wie ein Deja vu, das du nicht richtig zuordnen kannst, aber irgendwie hat es etwas in dir ausgelöst. Dadurch kann ich gar nicht sofort sagen “Das ist jetzt DIIV”, wenn ich einen einzelnen Song herausgerissen aus dem Ganzen höre.
Außerdem hast du bei diesem Album die ganze Zeit eine Spannung, die durchgängig erhalten bleibt und dich zum Weiterhören zwingt. Ich habe das Album morgens auf dem Weg zur Schule gehört und mich von meiner Umwelt total abgeschottet gefühlt. Ich wäre fast mit dem Ring einmal komplett rumgefahren. Es hat mich voll reingezogen.

 

DIIV kommen im März/April für vier Konzerte nach Deutschland:

30.03.16 – Köln, Gebäude 9
31.03.16 – Berlin, Lido
10.04.16 – Hamburg, Uebel & Gefährlich

01.04.16 – München, Orangehouse

 

Neue UK-Sounds: Our Girl & Morning Smoke

Das Brightoner Indie-Label Cannibal Hymns macht diesen Monat gleich doppelt von sich reden: Mit Sleeper von Our Girl und Soft Decay von Morning Smoke erscheinen am 18. Januar zwei Singles, bei denen Freunde der düster-verzerrten Gitarren aufhorchen werden.

Das Trio Our Girl um die vielbeschäftigte Frontfrau Soph Nathan hat sich erst 2014 gegründet und legt jetzt seine Debütsingle vor, die im Stil von Bands wie Wolf Alice zwischen hart und zart changiert. Grungige Gitarren und Nathans einschmeichelnde Stimme erzeugen einen entrückten und eingängigen Mix.

Bei Morning Smoke darf es dann ruhig noch eine Spur dreckiger werden: Der so genannte Noise Pop des Quartetts ist eindeutig mehr Noise als Pop. Wer auf Bands wie Drenge steht, dürfte sich hier wiederfinden. Klagende Vocals über dröhnenden Gitarren und peitschenden Drums – Teenage Angst in ihrer schönsten Form.

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