Q&A: Cold Acid

Es ist Dienstag, als wir vor dem Pooca auflaufen. Zusammen mit zwei anderen Bands spielen Cold Acid aus Berlin heute Abend in der kleinen Bar auf dem Hamburger Berg. Die drei Jungs machen teilweise seit Schulzeiten zusammen Musik. Ihr tanz- und mitgrölbarer Indierock lässt jeden auf die Tanzfläche strömen, und das alles quasi im Selbstmanagement. Cold Kids Don’t Need Agencies, oder so. Wir landen also mit Daniel, Christopher und Eric beim Italiener, um uns bei Pizza und Bier zu unterhalten, untermalt von den ewig sich wiederholenden Klängen von “Time To Say Goodbye”. Irgendwie ironisch. Wir lernen uns doch gerade erst kennen.

Sänger Daniel, der eigentlich meistens bei Interviews nicht reden darf weil er immer Quatsch erzählt, blüht heute ganz besonders auf. In der nächsten halben Stunde erfahren wir, wie man Bandmitglieder per Bestechung rekrutiert und warum die Jungs nie mit Scooter touren würden, aber dafür gerne mal mit Helene Fischer.


IPD: Fangen wir mal von vorne an: Wie habt ihr euch überhaupt kennengelernt, seit wann gibt es euch?

Daniel: Eric und ich sind zusammen zur Schule gegangen. Ich hab damals schon Musik gemacht, seit ich 14 war, und Eric hat Schlagzeug gespielt. Immer wenn ich mit meiner damaligen Band nicht geprobt hab – weil unser Schlagzeuger sein letztes Geld für doppelt frittierte Hühnchenbrust ausgegeben hat, anstatt sich Sticks zu kaufen – haben Eric und ich dann geprobt. Wir kommen eigentlich aus Brandenburg, haben dort unsere erste Band gegründet, sind dann beruflich bedingt nach Berlin gezogen und haben unsere Band in Brandenburg verlassen. Das hatte für uns auch keine Zukunft musikalisch. Wir wollten beide weitermachen, mussten aber feststellen, dass wir keine Leute finden. Lustigerweise haben wir mit unserer alten Band auf einer Anti-Nazi-Demo gespielt, wo auch Christopher mit seiner Band gespielt hat. Der war zumindest Fan von uns, weil wir Turbonegro gecovert haben und er eine Turbojugend-Jacke anhatte. Auf der Suche nach einem Gitarristen ist Eric und mir dann nur noch Christopher eingefallen, der komischerweise sogar bei mir um die Ecke gewohnt hat. Und dann haben wir uns mal zu dritt getroffen, mit zwei Gitarren und ‘nem Schlagzeug.

Christopher: Ich wurde mehr oder weniger dazu genötigt!

Eric: Wir haben uns auf einem Konzert getroffen und haben ihm ganz viel Bier gekauft.

Christopher: Gaaanz viel Bier! Dann hieß es so: ‘Ja, du hast auch Bock auf so Schweinerock?’ Ich wurde mega abgefüllt und auf einmal hieß es: ‘Hey, hast du nicht Bock bei uns in der Band zu spielen?’

Eric: Das war der erste Abend, wo wir zu dritt unterwegs waren. Wir waren aber bei Myspace connected und haben uns auf ‘nem Hellacopters-Konzert getroffen. Und ich glaube, dann haben wir auf der Warschauer Brücke auf dem Rückweg vom Konzert darüber gequatscht.

Daniel: Auf jeden Fall haben wir dann versucht, weitere Leute für die Band zu finden, weil wir keinen kannten. Übers Internet war blöd, so ziemlich jeder, der sich da reinstellt, hat eine verzerrte Selbstwahrnehmung von sich als Musiker. Irgendwann saßen wir in einer Kneipe, schon mächtig einen im Tee, und haben gesagt: Wir haben jetzt ein Jahr lang nach ‘nem Bassisten gesucht, das geht so nicht weiter. Dann wurde halt entschieden, wer von uns Gitarre spielt. Die Wahl ist auf mich gefallen und Christopher musste sich einen Bass kaufen. Hat er dann am nächsten Tag gleich, für 70€ auf eBay.

Daniel: Beim Gesang war es dann halt so, dass jeder mal probiert und der, bei dem es am wenigsten scheiße klingt, der macht es dann halt. Vor unserem ersten Konzert hatten wir sechs eigene Nummern und wollten einfach mal gucken, wie es so wird. Und wir hatten noch nicht einmal in die Saiten gehauen, da kamen schon drei Leute an, die uns – bevor sie uns gehört hatten! irgendwelche anderen Konzerte andrehen wollten. Da waren wir dann auch ein bisschen verdutzt. Wir haben dann angefangen, noch mehr Songs zu schreiben und Demos aufzunehmen. Danach ging alles recht schnell: Mitte des Jahres haben wir nur mit einer MySpace-Seite erste Konzerte gebucht und ein Fotoshooting in einer Kita gemacht.

Christopher: Das ist echt schon fünf Jahre her.

IPD: Und dann habt ihr weiter gemacht.

Daniel: Und wollten unseren Sound verändern. Anfangs war das so Hellacopters-Rock’n’Roll-Krimskrams, aber es gab halt so viele Bands, die genauso klingen, also war es schwierig, da rauszustechen. Wir haben dann auch privat unseren musikalischen Horizont erweitert.

Christopher: Wir haben ganz viel Black Rebel Motorcycle Club und Picturebooks gehört.

Daniel: Mittlerweile sind wir wieder an dem Punkt, wo wir uns noch weiter entwickeln und ein bisschen an der Schraube drehen wollen.

Christopher: Wir haben zum Beispiel 2012 unsere erste Platte aufgenommen [‘Cold Kids Don’t Need Acid’], im Studio von The BossHoss. Das war eigentlich ‘ne ganz gute Zeit. Wenn du reinkommst, siehst du halt die goldenen Schallplatten überall und bist schon ein bisschen überwältigt. Und wir haben echt wenig bezahlt dafür, dass wir dort so professionell aufnehmen durften.

Daniel: Was uns im Wesentlichen von anderen Bands unterscheidet ist, dass wir nie so viel Geld ausgegeben haben wie alle anderen, nie Kredite aufgenommen. Wir haben immer gesagt: ‘Wir brauchen halt Zeit.’ Um eine gute Platte aufzunehmen, braucht man schon Geld, aber man braucht vor allem gute Songs. Wir arbeiten alle noch nebenbei und stecken schon so echt viel Geld in die Band, da müssen wir nicht auch noch einem relativ Fremden Geld in den Hals stecken. Letztendlich trauen wir eigentlich überhaupt keinem.

IPD: Habt ihr mal über Crowdfunding nachgedacht?

Christopher: Bevor wir die Platte rausgebracht haben, gab es  zwei Angebote von Indie-Labels, aber wir dachten, wir können das alleine genauso schaffen. Wir haben in drei Jahren 150 Konzerte gespielt, in Österreich, Tschechien und Deutschland. Wir haben selber Konzerte gebucht, selber die Platte pressen lassen, und die Releaseparty organisiert in einem Club, wo 180 Leute reinpassen. Im Endeffekt haben da über 200 Leute Eintritt für bezahlt. Wir haben selber Plakate geklebt, auf der ganzen Warschauer Straße, und es hat sich ausgezahlt! Wir brauchen keine Agentur, kein Label, jedenfalls nicht jetzt. Irgendwann kommt aber der Punkt, dass du den nächsten Schritt gehen willst, z. B. vier Wochen am Stück auf Tour sein und irgendwann Zeit für ein Album haben. 2011, 2012 und 2013 haben wir jedes Wochenende gespielt, einfach um präsent zu sein.

IPD: Wie weit seid ihr mit eurer zweiten Platte jetzt?

Daniel: Wir sind, wie gesagt, dabei, uns musikalisch ein bisschen zu verändern. Letztendlich muss man abwägen, was wir für Möglichkeiten haben für die Platte. Ich glaube nicht, dass wir diesmal total viel Geld dafür ausgeben werden. Alle Leute in Agenturen machen nichts anderes als wir: telefonieren, E-Mails rausschicken… dafür braucht man sich nicht in Agenturen einkaufen. Uns geht’s jetzt erst mal darum, Demos zu veröffentlichen, die uns musikalisch wirklich weiterbringen.

Christopher: Wir haben ja schon bei der ersten Platte gesagt, dass uns eigentlich jemand fehlt, der daneben sitzt und sagt, wo wir noch was verändern können. Wir haben aber schon Demos aufgenommen und Ideen gesammelt. Da geht was.

Daniel: Es wird von uns ja auch nicht erwartet, jedes Jahr ein Album rauszubringen. Wir sind jetzt auch keine Band, die, wenn einer grad mal keinen Bock hat, sich sofort auflöst.

IPD: Gibt es andere Bands aus Berlin, die ihr im Moment gut findet?

Daniel: I Like Ambulance.

Christopher: Stop Eating Robots! Ich persönlich mag sehr Coogans Bluff. Es gibt aber keine Berliner Band, die so gut zu uns passt, dass ich mir vorstellen kann, mit denen auf Tour zu gehen.

IPD: Mit welchen Bands würdet ihr denn gerne mal touren?

Daniel: Ich glaube, das wäre jede Band. Einfach jede.

Christopher: Du willst doch nicht sagen, dass du mit jeder Band touren würdest. Mit Scooter zum Beispiel würde ich nicht touren.

Daniel: Na klar würdest du.

Christopher: Vielleicht würde ich’s wirklich machen!

(alle lachen)

Daniel: Aber nur fürs Geld dann.

IPD: Angenommen du kriegst kein Geld und dürfest dir eine Band aussuchen?

Daniel: Wenn ich jetzt zum Beispiel mit Black Rebel Motorcycle Club touren könnte, wüsste ich, dass ich jeden Abend eine geile Show sehen würde. Ob die Typen nett sind oder nicht, kann keiner wissen, aber ich würde sie trotzdem mega gut finden für eine Tour.

Eric: Bei Black Rebel wäre ich auch dabei, die Tour spiele ich mit. Ich wäre aber zum Beispiel auch bei den Arctic Monkeys dabei.

Christopher: Ich würde gerne mit Cloud Nothings touren… Blood Red Shoes… Brody Dalle… Ich möchte mit Brody Dalle touren. Ich lege mich fest.

Daniel: Ich würde auch mit Helene Fischer touren, wenn sie die O2 World voll macht. Vor 17.000 Leuten? Natürlich. Weil du Musiker bist und in deinem Leben nie die Chance hättest, sonst so viele Leute zu erreichen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Heute Abend spielen die Jungs nicht vor 17.000 Leuten. Eher vor 17. Als die ersten beiden Bands durch sind, ist die Mehrheit der Gäste schon weg, aber das hindert Cold Acid nicht daran, trotzdem eine großartige Rockshow abzuliefern. Inklusive Drummerwechsel und Medley aus den besten Indie-Hits der Nullerjahre. Und wer vom Publikum übrig geblieben ist, bereut es ganz bestimmt nicht, noch länger geblieben zu sein.

(all photos © S. Prahl)

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s