Category Archives: Festival Season 2016

Live: Straend Festival 2016, Berlin (DE)

Ich bin furchtbar blass, mein liebstes Wetter ist Regen und Temperaturen über 25° C lehne ich kategorisch ab. Klar, dass ich vom Surfen nicht den leisesten Hauch einer Ahnung habe, außer vielleicht, dass da meist ziemlich heiße Typen auf den Brettern stehen.

Das alles war aber kein Grund nicht zum wundervollen Straend Festival am 20.08.2016, welches zum zweiten mal in Folge stattfand, zu gehen. Auch wenn zunächst mit den Worten Surf, Musik, Film und Kunst von den Plakaten gelockt wurde, ging es hier doch um so viel mehr. Wobei Arena und Badeschiff mit Sand zwischen den Zehen, Liegestühlen und der Spree direkt vor der Tür zum entspannen einluden und die Veranstalter Loft Concerts, Novaque Events und Arena Berlin all das wie scheinbar nebenbei einfließen ließen, was ihnen verbunden mit der Thematik Surf am Herzen liegt. Dazu gehören an erster Stelle der Umgang mit Müll und unser Auftreten als Mensch in einer Welt, die wir als selbstverständliches Eigentum behandeln. Dieser Artikel soll jetzt aber kein Appell an dein Gewissen werden dich bewusster in deiner Umgebung zu bewegen, jedoch vielleicht den einen oder anderen Gedanken darauf zu verwenden. Und genau das hat auch das Straend Festival geschickt geschafft: sei es mit Mülltrennung auf dem Gelände, Essen auf Bambusblättern oder der Kunst von Angelo Schmitt, dessen Sammlung an Abfall von Stränden wieder einmal zeigt, wie gedankenlos wir unseren Müll entsorgen und dass wir in Plastik ertrinken ohne es überhaupt zu bemerken. Eingebettet in einer entspannten, kommerzfreien Atmosphäre mit Filmen von u.a. Surflegende Tom Curren und Musik von Sticky Fingers, Hein Cooper, The Graveltones etc. wurde dieser Tag zu einer absolut zwanglosen Entdeckungsreise. Maßlosen Konsum und die alleinige Ausrichtung auf Profit kennen wir schon von so vielen anderen Festivals, endlich mal was anderes, wo nicht die Einnahmen Kompass der Veranstaltung sind und eine Linie zwischen Unterhaltung und aktuellen Problemen gezogen werden kann.

Definitiv nächstes Jahr wieder dabei!

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Live: MS Dockville 2016, Hamburg (DE)

Zum zehnten Jubiläum legte das MS Dockville sich ganz besonders ins Zeug: ein Line-Up, das in der Spitze wie in der Breite zu überzeugen wusste, ein wie immer atemberaubend schönes Gelände und die entspannte, ausgelassene Stimmung machten 2016 zu einem der besten Dockville-Jahre in letzter Zeit.

Die Acts: Von den zehn Ausgaben seit 2007 war ich bei ganzen sieben; zuletzt war es aber immer wieder das mangelhafte Line-Up bei stetig steigendem Ticketpreis, das mich von einem Besuch absehen ließ. Dieses Jahr war das Dockville ein Festival der positiven Überraschungen: Gab das Line-Up bei einem vorherigen Hördurchgang nicht viel her außer bereits bekannten Favoriten wie Foals, Bilderbuch (die ich aufgrund des Timetables nicht sehen konnte) oder Unknown Mortal Orchestra, erwiesen sich die großen Lücken in meinem Zeitplan letztlich als Segen: Acts wie Faber, Isolation Berlin oder Die Nerven gaben einen hervorragenden “Zeitvertreib” ab. Dadurch verzieh ich auch das Booking gruseliger Formatradio-Verbrechen wie Matt Corby, Frances oder der furchtbar unlustigen Klaas-Heufer-Umlauf-Band Gloria.

geländeDie Besucher: Das Dockville-Publikum ist durchschittlich etwa 20 Jahre alt, trägt genderunabhängig Blumen im Haar und Glitzer im Gesicht, sowie in 80% der Fälle einen Turnbeutel mit witzigem Spruch der Wahl auf dem Rücken. Außerdem ist es äußerst ingenieurstechnisch begabt, wenn es darum geht, ein einzigartiges Erkennungs-Maskottchen zu erschaffen, das an einem hohen Stab über der Crowd geschwenkt wird, um die eigene Freundesgruppe zusammenzuführen (Highlight: ein seifenblasenspuckender Affenkopf mit LED-Augen). Als Wahlberlinerin fiel mir zudem auf, dass alle Hinweisschilder etc. am Gelände auf Deutsch gehalten sind: Das Dockville ist trotz weiterhin steigender Bekanntheit anscheinend immer noch ein lokales Ereignis.

Die Politik: Die Hamburger AFD legte jüngst Beschwerde bei der Kulturbehörde ein, wieso man ein Festival finanziell unterstütze, bei dem angeblich linksradikale Bands wie Slime oder Feine Sahne Fischfilet auftreten würden. Als Reaktion wurde ein riesiges “Fuck AFD”-Plakat am Gelände aufgehängt. Junge Teenager, die aussahen wie die Unschuld in Person, trugen “Niemand muss Bulle sein”-Beutel oder schwenkten Antifa-Flaggen bei den Auftritten von bekennenden linken Acts wie Sookee oder eben Feine Sahne. Auch weniger explizit politische Bands machten den Mund auf; etwa Faber in seinem Besorgte-Bürger-Song Wer nicht schwimmen kann, der taucht oder Isolation Berlin, die eine Textzeile zu “Er schnauzt mich von der Seite an, ob ich nicht stolz sei auf dieses Land” änderten. Ausschreitungen, Aggressionen und sonstiges Arschlochverhalten waren meiner Erfahrung nach vollkommen abwesend vom Festival.

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