Tag Archives: unknown mortal orchestra

Live: MS Dockville 2016, Hamburg (DE)

Zum zehnten Jubiläum legte das MS Dockville sich ganz besonders ins Zeug: ein Line-Up, das in der Spitze wie in der Breite zu überzeugen wusste, ein wie immer atemberaubend schönes Gelände und die entspannte, ausgelassene Stimmung machten 2016 zu einem der besten Dockville-Jahre in letzter Zeit.

Die Acts: Von den zehn Ausgaben seit 2007 war ich bei ganzen sieben; zuletzt war es aber immer wieder das mangelhafte Line-Up bei stetig steigendem Ticketpreis, das mich von einem Besuch absehen ließ. Dieses Jahr war das Dockville ein Festival der positiven Überraschungen: Gab das Line-Up bei einem vorherigen Hördurchgang nicht viel her außer bereits bekannten Favoriten wie Foals, Bilderbuch (die ich aufgrund des Timetables nicht sehen konnte) oder Unknown Mortal Orchestra, erwiesen sich die großen Lücken in meinem Zeitplan letztlich als Segen: Acts wie Faber, Isolation Berlin oder Die Nerven gaben einen hervorragenden “Zeitvertreib” ab. Dadurch verzieh ich auch das Booking gruseliger Formatradio-Verbrechen wie Matt Corby, Frances oder der furchtbar unlustigen Klaas-Heufer-Umlauf-Band Gloria.

geländeDie Besucher: Das Dockville-Publikum ist durchschittlich etwa 20 Jahre alt, trägt genderunabhängig Blumen im Haar und Glitzer im Gesicht, sowie in 80% der Fälle einen Turnbeutel mit witzigem Spruch der Wahl auf dem Rücken. Außerdem ist es äußerst ingenieurstechnisch begabt, wenn es darum geht, ein einzigartiges Erkennungs-Maskottchen zu erschaffen, das an einem hohen Stab über der Crowd geschwenkt wird, um die eigene Freundesgruppe zusammenzuführen (Highlight: ein seifenblasenspuckender Affenkopf mit LED-Augen). Als Wahlberlinerin fiel mir zudem auf, dass alle Hinweisschilder etc. am Gelände auf Deutsch gehalten sind: Das Dockville ist trotz weiterhin steigender Bekanntheit anscheinend immer noch ein lokales Ereignis.

Die Politik: Die Hamburger AFD legte jüngst Beschwerde bei der Kulturbehörde ein, wieso man ein Festival finanziell unterstütze, bei dem angeblich linksradikale Bands wie Slime oder Feine Sahne Fischfilet auftreten würden. Als Reaktion wurde ein riesiges “Fuck AFD”-Plakat am Gelände aufgehängt. Junge Teenager, die aussahen wie die Unschuld in Person, trugen “Niemand muss Bulle sein”-Beutel oder schwenkten Antifa-Flaggen bei den Auftritten von bekennenden linken Acts wie Sookee oder eben Feine Sahne. Auch weniger explizit politische Bands machten den Mund auf; etwa Faber in seinem Besorgte-Bürger-Song Wer nicht schwimmen kann, der taucht oder Isolation Berlin, die eine Textzeile zu “Er schnauzt mich von der Seite an, ob ich nicht stolz sei auf dieses Land” änderten. Ausschreitungen, Aggressionen und sonstiges Arschlochverhalten waren meiner Erfahrung nach vollkommen abwesend vom Festival.

Galerie

Für größere Ansicht auf ein Foto klicken:

Advertisements

On tour: Unknown Mortal Orchestra

Dass die Musik von Ruban Nielson irgendwo in einem Keller in Portland entsteht, ist allgemein bekannt. Und dass jener Keller nach einem Ort klingt, an dem es diese alten Sessel gibt, in die du dich setzt und nie mehr aufstehen möchtest, einem Ort an dem die Zeit stehen bleibt (was auch daran liegen mag, dass es keine Fenster gibt und nur Lavalampen als Beleuchtungsmittel), weiß wohl auch jeder, der das Glück hat eine Platte vom Unknown Mortal Orchestra im Regal stehen zu haben. Denn hier lauschst du Musik, die erst auf Vinyl richtig ihre Magie entfalten kann, die dich mit ihrer Wärme und Zeitlosigkeit nie mehr loslässt. Es ist einfühlsame, intelligente Musik, die du pausenlos hörst um schließlich doch noch etwas neues an ihr zu entdecken.

Und dieses Gefühl bleibt. Auch mit dem neuen Album Multi-Love, das definitiv Renovierungsarbeiten am besagten Keller durchklingen lässt. Ein neuer Anstrich, alter Kram, der bei Seite geschafft wurde um Platz für eine kleine Tanzfläche zu schaffen. Moderner, als hätte jemand den Staub von einer Stevie Wonder Platte gepustet, aber immer noch mit gewohntem Charme.

Normalerweise würde ich sagen, geh zum Konzert, hol dir die Platte, die das einzige ist, was du brauchen wirst um dich für den Rest der Nacht warm zu halten. Aber du könntest mit diesem Album auch Ausschau nach einer süßen Inderin halten und zu Hause mit ihr weiter tanzen, oder euch gegenseitig als Tiger bemalen.

14.09.2015  Hamburg – Übel&Gefährlich

15.09.2015  Köln – Gebäude 9

16.09.2015  Frankfurt – Zoom

17.09.2015  Berlin – Lido